101 km, 5.672 hm – Berglauf der Ultraklasse

Zugspitz-Ultratrail

 

Persönlicher Laufbericht von Martin Larch

Es war der längste Lauf meines Lebens. Habe in den letzten 20 Jahre schon sehr viele verschiedene Wettkämpfe gemacht, sei es Straßenläufe, Bergläufe, MTB Marathons, Straßenradmarathons, Skibergsteigen, Duathlons, Triathlons….aber Keines ist vergleichbar mit dieser Mega-Herausforderung!

Freitag fuhr ich mit großem Respekt nach Grainau in der Nähe von Garmisch Partenkirchen in Deutschland. Hab einen geeigneten Parkplatz nähe Startgelände gesucht und gefunden, meine Bleibe für die nächsten 2 Tage. Alle Rücksitze meines Autos habe ich entfernt und mit einer Matratze, Schlafsack und Polster zu einem kleinen „Schlafzimmer“ eingerichtet.

Dann gleich zur Registrierung, Startnummer und Startpaket abholen. Eine Runde bei der Trailrun-Expo, wo die neuesten Artikel ausgestellt wurden bevor es zum obligatorischen Pastaessen im Zelt ging. Überall Sportler, die mit nachdenklicher Mine auf den bevorstehenden anstrengenden Tag nachdenken. Die meisten mit abgehärteten Gesichtern, man sieht schon, dass das erfahrene Extremsportler sind.

Viel essen und viel trinken, das ist das oberste Gebot. Für diese Tortur verbraucht man ja geschätzte 8.000 – 10.000 Kalorien. Bereits in den letzten Tagen habe ich sehr viele Kohlenhydrate zugeführt, viel getrunken, etwas Gewicht zugelegt, aber keine Bange, das nimmt man nach den Strapazen leicht wieder ab.

Es war eine erstaunliche ruhige Nacht im Auto. Hab ganz tief geschlafen, abgesehen vom dreimaligen Klogang. Zum Glück war der Weg nur kurz, direkt vor dem Auto :o)

Um 5:30 Uhr Weckruf. Ein ausgiebiges Frühstück. Letzte Vorbereitungen, Beschäftigungen mit dem Rücksack. Das Mitführen eines Rücksacks mit folgenden Dingen sind bei diesem Lauf Pflicht, es wird sogar vor dem Start kontrolliert: Regenjacke, lange Laufjacke, lange Laufhose, Handschuhe, Mütze, Ausweis, Stirnlampe, Ersatzbatterien, Rücksack, mind. 1,5 lt. zu Trinken, Erste Hilfe Set und Kartenmaterial sowie je nach Bedarf Nahrung, und Gels. Trockenwäsche und das Nötige für die Wechselzone bei km 56 kann man am Start abgeben.

Große Anspannung vor dem Start. Was kommt Einem zu? Großer Respekt vor der sehr langen Strecke, Hoffen, dass keine arge Verletzung wie z.Bsp. Umknicken, Bänderriss, Blasen, Knieschmerzen, Muskelschmerzen usw. kommen, was evt. zu einer Aufgabe gezwungen werden kann. Nein, besser nicht daran denken.

Nun…endlich der Startschuss. Anders wie bei üblichen kürzeren Laufveranstaltungen kein Davonbrausen, kein spontanes Hochschnellen des Pulses. Es geht im angenehmen Laufschritt los. Die ersten 2km auf Asphaltstrecke, ein willkommener Abschnitt als Aufwärmphase. Dann der erste Anstieg. Noch 99 km.

Nachdem es die letzten Tage sehr viel geregnet hat, zeigte sich der Wettergott gnädig und belohnte uns mit sehr angenehmen trockenen Lauf-Temperaturen von ca. 10 Grad im Tal.

Beim ständigen berauf- / bergab verliert man jedes Gefühl für die Geschwindigkeit.

Nach ca. 15km die ersten Wehwehchen, die ich nicht brauchen möchte, ein Zwicken der rechten Achillessehne und des linken Fußballens, das ich bereits ein paar mal beim Training gespürt habe und gehofft, dass es beim Rennen nicht vorkommt. Nein, das darf nicht sein! Einfach ignorieren und weiter. Erst nach Zieleinlauf habe ich gemerkt, dass diese Probleme vergessen und weg waren. Gut so.

Nach über 3 Stunden passieren wir ein Schild mit der Aufschrift „Noch 75 km“. Was, erst ein Viertel der Distanz? Gefühlt sollte es schon wesentlich weiter sein.

Anfangs musste ich mich bremsen, es bestand das Gefühl, schneller voran kommen zu können. Aber der Weg ist ja noch sehr lang, Kräfte einzuteilen steht an oberster Priorität.

Auf den nächsten 5 Kilometer warten nun 1000 Höhenmeter Anstieg zum höchsten Punkt der Runde auf 2.200 Meter Seehöhe. Der Steig ist hochalpin. Ein sehr langer Anstieg, aber angenehm für mich. Zugegeben, jedes Mal wenn ein Anstieg bevorsteht, freute ich mich riesig. Bergauf liegt mir einfach, würde sagen, zu so was bin ich geboren. Flache Strecken hasse ich dagegen. Bei flachen Passagen fiel es mir schwer, gegen meine Mitkonkurrenten mitzuhalten. Bei steilen Anstiegen dagegen ließe ich so Manche alt aussehen.

Die Abstiege waren teils waghalsig. Durch hartes Gestein, rutschige Passagen, man muss sich sehr konzentrieren. Ein Fehltritt und schon gibt es Probleme.

Jetzt wechseln kürzerer bergauf- und bergab Passagen laufend ab, wir bleiben auf über 2000 Meter. Dann geht’s noch einmal 600 Meter rauf, bevor man über einen 1000 Meter Abstieg dann zum 5. Verpflegungspunkt bei Kilometer 56,9 ankommt. Schon 8:45 std. unterwegs, es ist 16 Uhr. Trockenes Leibchen und trockene Socken gewechselt, Verstärkung eingenommen. Nicht zu langes Pausieren, sonst vergeht die Lust am Weiterkommen.

Die Oberschenkel fingen an zu brennen, vor allem nach langem Bergablaufen. Je eine Blase am Zeh des linken Fußes und an der Ferse des rechten Fußes haben sich gemeldet. Zwar schmerzhaft, aber einfach ignorieren und durch. Keine Zeit (und Lust und Kraft) Schuhe und Socken auszuziehen, Blase anschauen, evt. anstechen und das Wasser auslassen, nicht so ein Ding. Dann Zähne beißen und durch, denn es kam nicht mein Streckenabschnitt, eine längere flachere Passage mit leichten Auf- und Abwegen. Die nächsten 2-3 Sunden ginge es so. 80km bereits gelaufen, „nur“ noch 21km bis ins Ziel.

Allerdings wartet mit 1200 Höhenmeter und 12km der längste Anstieg am Stück noch auf uns! Und dann noch 1300 Höhenmeter runter ins Ziel. Ehrlich gesagt, habe ich mich auf den Aufstieg gefreut. Bin es gewöhnt, auf die Aufstiege rhythmisch gut einzuteilen. Es ist schon finster und etwas kühler geworden. Stirnlampe lange Laufjacke an und dann begann der lange Anstieg. Konnte einige Läufer wieder einholen, die bei mir zuvor bei der Flachen überholten. Nachdem bei stockdunkler Finsterheit oben gut angekommen, begann der harte Abstieg. 6 km durch sehr rutschiges Gestein, Schlamm, durch die hunderte nasse Holzbalken, die als Treppe dienten, das war eine harte Tortur. Mein Fehler war, dass ich keine Stöcke mitnahm. Bei der Ausschreibung war zu empfehlen, Stöcke mitzunehmen. Ich habe das nicht ernst genommen. Bis zu diesem Abschnitt war es auch kein Problem. Aber für die letzten 6km, naja. Man wird im Nachhinein gescheiter. Ich kam nur sehr, sehr langsam hinunter, wie eine alte Oma. Jedes mal, wenn ich fast ausrutschte, verfluchte ich. Mit welchen Worten, das brauche ich hier nicht zu schreiben :o) Mit Stöcken wurde es sicher doppelt schneller gehen. Auf allen Vieren, sozusagen. Gehörlosigkeit und Gleichgewichtsproblem, speziell bei Nacht, da gibt’s nichts zu diskutieren.

Die letzten 2km verliefen auf flacher Strecke bis ins Ziel, welches in einem Festzelt eingerichtet wurde. Hab mich gewundert, dass ich noch Kraft habe, diese Km 99 und 100 laufend zu bewältigen. Endlich, nach 17:33 Stunden die Ziellinie erreicht! Ein großer Stein, nein, eine Steinlawinie fiel vom Herzen. Eine Medaille umgehängt bekommen, Finisher-Leibchen abgeholt und die letzten Meter zum Auto. Nach ca. 19 Stunden kann ich mich endlich hinsetzen. Es war schwer, mich auszuziehen, jeder der Muskel in jedem Körperteil schmerzte. Habe dann nur eines im Sinn: schlafen und schlafen!

Am nächsten Tag erst realisierte ich, was ich geleistet habe: sage und schreibe 101 km und 5.672 Höhenmeter! Wer kann das schon behaupten, das zu schaffen. Ich hab’s geschafft!

Nach dem Zieleinlauf hab ich’s mir gesagt, nie wieder so was. Am nächsten Tag schaut’s wieder anders aus. Es war sicher nicht mein letzter Ultralauf :o)